Interactive Deep Dive

Das 2008
Rabbit Hole

Wie aus amerikanischen Hauskrediten eine globale Finanzkrise wurde: Immobilienblase, Subprime, RMBS, CDOs, Credit Default Swaps, Michael Burry, Bear Stearns, Lehman, AIG, Rettungspakete und die Folgen für normale Menschen.

MBS & RMBSTranchenCDOCDSMichael Burrymit Simulation
Kapitel 0 · vor der Mortgage Machine

Wie die Immobilienblase den Boden bereitete

Die Finanzkrise begann nicht im September 2008. Der entscheidende Aufbau geschah Jahre vorher: leichter zugängliche Hypotheken, stark steigende Häuserpreise, immer mehr Verbriefung und ein Finanzsystem, das davon ausging, dass amerikanische Wohnimmobilien landesweit kaum gleichzeitig stark fallen würden.

↑ Preise
Steigende Häuserpreise ließen schlechte Kredite lange gesund aussehen.
↑ Kredit
Mehr verfügbare Finanzierung erhöhte wiederum die Nachfrage nach Häusern.
Kredit → höhere Preise → Refinanzierung → noch mehr Kredit.
Der entscheidende Tarnmechanismus: Wenn ein Kreditnehmer seine Rate nicht mehr bedienen konnte, aber das Haus inzwischen deutlich mehr wert war, konnte er häufig verkaufen oder refinanzieren. Der Ausfall wurde damit verhindert — nicht unbedingt, weil der Kredit von Anfang an solide war, sondern weil der Hauspreis weiter stieg.
War die Krise einfach nur durch niedrige Zinsen verursacht?
Niedrige Zinsen und reichlich Liquidität waren ein Teil des Umfelds, aber als Alleinerklärung reichen sie nicht. Kreditstandards, Verbriefung, Ratingmodelle, Leverage, Derivate, Shadow Banking und Fehlanreize waren ebenfalls zentrale Bestandteile.
War Fannie Mae / Freddie Mac allein schuld?
Nein. Die staatlich geförderten Hypothekenunternehmen spielten eine wichtige Rolle im US-Hypothekensystem und erlitten später massive Verluste. Die besonders riskante private Subprime-Verbriefungsmaschine lief aber auch über private Kreditgeber, Broker, Investmentbanken, Ratingagenturen und institutionelle Investoren.
Kapitel 1 · die Kredite selbst

Subprime, Teaser Rates und der Satz „wir refinanzieren später“

Prime → Alt-A → Subprime

Subprime bedeutet zunächst nur höheres Kreditrisiko. Nicht jeder Subprime-Kredit war absurd oder betrügerisch. Gefährlich wurde die enorme Menge schwächerer Kredite zusammen mit niedrigen Anzahlungen, lockerer Dokumentation und Zahlungsstrukturen, die erst später deutlich teurer wurden.

2/28 ARM

Eine typische Konstruktion hatte für die ersten zwei Jahre einen niedrigen Einstiegszins und danach einen variablen Zinssatz. Solange Häuserpreise stiegen, war die geplante Ausweichroute oft: vor dem Reset refinanzieren.

Interaktiv: Was macht ein Zins-Reset mit 300.000 $ Hypothek?

Startzins: 3,0 % · 30 Jahre, didaktisches Beispiel
$1.265
Neue Monatsrate
$1.996

Mehr pro Monat: $731 (+58 %).

Das ist kein historischer Einzelvertrag, sondern ein Lernmodell. Reale ARMs hatten unterschiedliche Margen, Caps und Tilgungsbedingungen.

Kapitel 1

Wir bauen unseren eigenen Mortgage Bond

Unser Modell ist absichtlich vereinfacht. Die Zahlen sind keine Rekonstruktion eines bestimmten historischen Deals, sondern ein Lernmodell, damit die Mechanik sichtbar wird.

1.000 Häuser
je Ø 250.000 $ Kredit
250 Mio. $
Hypothekenpool
RMBS / MBS
handelbares Wertpapier
Tranchen
AAA bis Equity

Was zahlt der Investor?

Der Investor kauft einen Teil des Wertpapiers. Seine Cashflows stammen letztlich aus den Zins- und Tilgungszahlungen der Hausbesitzer — abzüglich Gebühren und Strukturkosten.

Der entscheidende Unterschied

Die 1.000 Kredite werden nicht gleich behandelt. Verluste werden in einer festgelegten Reihenfolge verteilt. Genau daraus entsteht die Tranchierung.

Kapitel 2

Wie aus einem riskanten Pool „AAA“ entstehen kann

Unser 250-Mio.-$-Pool wird in fünf Schichten zerlegt. Die unteren Schichten nehmen Verluste zuerst auf. Erst wenn sie vollständig vernichtet sind, erreicht ein Verlust die nächste Schicht.

Beispiel-Kapitalstruktur

TrancheAnteilVolumenVerlust-Reihenfolge
AAA70 %175,0 Mio. $5.
AA10 %25,0 Mio. $4.
A8 %20,0 Mio. $3.
BBB7 %17,5 Mio. $2.
Equity5 %12,5 Mio. $1.

Warum das mathematisch nicht verrückt ist

Bei 10 % ausgefallenen Krediten verlieren Anleger nicht automatisch 10 % des Pools. Ein zwangsverkauftes Haus hat meist noch einen Restwert. Entscheidend ist:

Poolverlust = Ausfallquote × Verlustquote bei Ausfall

10 % Defaults × 60 % Verlustquote = 6 % Poolverlust. In unserem Modell wäre Equity weg, aber BBB nur teilweise betroffen — AAA noch unangetastet.

Der zentrale Denkfehler war nicht „Tranchierung funktioniert grundsätzlich nicht“. Das gefährliche Problem war, dass Modelle die gemeinsame Korrelation vieler Kredite, landesweite fallende Hauspreise, schlechter werdende Kreditqualität und Refinanzierungsrisiken zu optimistisch einschätzen konnten.
Kapitel 3 — anfassen statt nur lesen

Loss-Waterfall-Simulator

Bewege die Regler. „Default Rate“ ist der Anteil der Hypotheken, die ausfallen. „Loss Given Default“ ist der Anteil des Kreditbetrags, der nach Verwertung/Sicherheiten tatsächlich verloren geht.

Tipp: Probiere 2 %, 5 %, 10 % und 20 % Defaults. Danach 40 % Defaults bei 65 % Verlustquote, um einen systemischen Stressfall zu sehen.

Gesamter Poolverlust
15,0 Mio. $
= 6,0 % des Pools
TrancheVerlustRest
AAA — 70 %
AA — 10 %
A — 8 %
BBB — 7 %
Equity — 5 %

Dunkel = durch Verluste aufgezehrt. Verluste laufen von unten nach oben.

2 % Defaults

Bei 60 % LGD: 1,2 % Poolverlust. Equity fängt alles ab.

10 % Defaults

Bei 60 % LGD: 6 % Poolverlust. Equity ist weg; BBB wird getroffen.

20 % Defaults

Bei 60 % LGD: 12 % Poolverlust. Equity + BBB sind weg; A beginnt Verluste zu tragen.

Kapitel 4

CDO: Wir nehmen die unbeliebten Stücke — und verpacken sie nochmal

BBB-Stück
MBS #1
BBB-Stück
MBS #2
BBB-Stück
MBS #3
CDO-Pool
neue Tranchen
inkl. AAA

Warum das attraktiv war

Schwächere MBS-Tranchen waren schwerer zu verkaufen. Ein CDO bündelte viele davon und schuf erneut eine Kapitalstruktur. Solange Ausfälle nicht stark miteinander korrelierten, konnte eine obere Schicht statistisch sehr geschützt erscheinen.

Das Korrelationsproblem

Wenn die zugrunde liegenden Kredite alle vom gleichen Makrofaktor abhängen — etwa weiter steigenden US-Hauspreisen und funktionierender Refinanzierung — diversifiziert man möglicherweise weniger Risiko als gedacht.

Synthetic CDO: Jetzt braucht man nicht einmal mehr neue Häuser

Ein synthetischer CDO kann Kreditrisiken über CDS referenzieren, statt die betreffenden Hypothekenanleihen physisch zu besitzen. Dadurch können mehrere Finanzpositionen auf dieselben Referenzwerte entstehen. Die SEC schrieb später ausdrücklich, synthetische CDOs wie ABACUS 2007-AC1 hätten Verluste des Immobilienabschwungs verstärkt.

SEC: ABACUS 2007-AC1 →
Kapitel 5

Credit Default Swap: Burrys Werkzeug

Protection Buyer

Burry zahlt regelmäßig eine Prämie.

Prämie → Bank

Im Gegenzug gewinnt seine Position an Wert bzw. erhält er Zahlungen, wenn die vereinbarten Kreditereignisse eintreten und die referenzierte Tranche kollabiert.

Protection Seller

Die Gegenpartei kassiert die Prämie, solange das versicherte Kreditrisiko nicht einschlägt.

„Free money“?

Nur dann, wenn die angenommene Ausfallwahrscheinlichkeit und Korrelation wirklich stimmen.

Warum CDS perfekt für Burry waren: Er musste keine Häuser shorten. Er konnte gezielt Schutz auf bestimmte nachrangige Tranchen bestimmter Subprime-RMBS kaufen — genau dort, wo er die schwächsten Pools identifiziert hatte.
Kapitel 6

Michael Burry: Die konkrete Wette

Was er suchte

Nach eigener späterer Darstellung studierte Burry die Kreditstrukturen und konzentrierte sich auf riskante adjustable-rate mortgages. Sein Gedanke: Wenn zweijährige Teaser-/ARM-Perioden auslaufen und Refinanzierung scheitert, werden schwache Kreditnehmer sichtbar.

Die FCIC hält fest, dass Burry bis Mitte 2005 CDS auf Milliarden Dollar an mortgage-backed securities und Finanzunternehmen gekauft hatte.

FCIC Kapitel 10 →

Warum einzelne Bonds wichtig waren

Burry shortete nicht einfach „den US-Häusermarkt“. Er suchte nach Pools mit Merkmalen, die er als besonders ausfallgefährdet ansah. Das ist der Kern seiner Edge: Security Selection statt nur Makro-Meinung.

Später schrieb er, seine Short-Positionen hätten gemeinsame Merkmale, die er als prädiktiv für Foreclosures einschätzte.

Timeline

2003–2004
Kreditqualität verschlechtert sich. Burry untersucht die Finanzierung hinter dem Immobilienboom genauer.
März 2005
Er sucht ein Instrument. In einem späteren Vortrag sagte Burry, er habe Wall-Street-Firmen angerufen, um CDS auf nachrangige Subprime-RMBS-Tranchen zu handeln.
19. Mai 2005
Erster Deal mit Deutsche Bank vereinbart. Laut Burrys Vanderbilt-Vortrag war dies sein erster Short des Subprime-Markts; die ersten Trades wurden Anfang Juni formal ausgeführt.
Mitte 2005
Position wächst stark. Die FCIC beschreibt CDS auf Milliarden Dollar Nominalwert.
2006
Das unangenehme Jahr. Fundamentaldaten verschlechtern sich, aber Marktpreise seiner CDS spiegeln das nicht sauber wider. Er muss weiter Prämien und teilweise Sicherheiten tragen.
2007
Die These beginnt aufzugehen. Subprime-Ausfälle, Downgrades und der Preisverfall strukturierter Produkte lassen Short-Positionen massiv an Wert gewinnen.
2007–Anfang 2008
Scion realisiert Gewinne. Burry sagte später, er habe 2007 den Großteil und Anfang 2008 die restlichen Credit-Default-Positionen geschlossen.
Vanderbilt: vollständiges Burry-Transkript →
Kapitel 7

Warum verkauften Banken Burry überhaupt diese Wette?

1. Sie hielten das Risiko für gering

Wenn die Wahrscheinlichkeit eines massiven Subprime-Einbruchs als sehr klein erscheint, wirkt die CDS-Prämie wie attraktiver laufender Ertrag.

2. Dealer ≠ zwingend Endrisiko

Eine Investmentbank kann einen Trade eingehen und Teile des Risikos weiterreichen, hedgen oder in anderen Strukturen platzieren. „Die Bank wettet persönlich gegen Burry“ ist daher zu simpel.

3. Der Markt brauchte Gegenparteien

Mit wachsender Nachfrage nach strukturierten Produkten entstanden immer mehr Long- und Short-Positionen. Synthetic CDOs vergrößerten diesen Markt zusätzlich.

Der spätere Konflikt: Als sich die Fundamentaldaten verschlechterten, waren Preise vieler individueller CDS schwer transparent festzustellen. Burry kritisierte später die Marks seiner Dealer-Gegenparteien. Genau das macht „richtig liegen, aber zu früh sein“ so gefährlich: Du kannst ökonomisch recht haben und trotzdem zwischenzeitlich Liquidität verlieren.
Kapitel 8 · 2007–2008

Aus einem Hypothekenproblem wird eine Systempanik

April 2007
New Century Financial geht bankrott. Einer der großen Subprime-Kreditgeber fällt. Das Problem ist jetzt nicht mehr theoretisch.
Sommer 2007
Downgrades und Fondsprobleme häufen sich. Märkte beginnen zu erkennen, dass viele RMBS/CDO-Bewertungen nicht halten. Liquidität verschwindet.
März 2008
Bear Stearns kollabiert. JPMorgan übernimmt die Investmentbank in einem von der Federal Reserve unterstützten Deal.
7. September 2008
Fannie Mae und Freddie Mac kommen unter staatliche Conservatorship.
15. September 2008
Lehman Brothers meldet Insolvenz an. Das Ereignis wird zum Symbol des Systemcrashs.
16. September 2008
AIG muss gestützt werden. Der Konzern hat über Derivate enorme Verbindungen in das Finanzsystem.
3. Oktober 2008
TARP wird gesetzlich geschaffen. Die ursprüngliche Autorisierung beträgt bis zu 700 Milliarden Dollar.
Dezember 2008
Die Fed senkt den Zielkorridor praktisch auf Null. Weitere außergewöhnliche Maßnahmen folgen.

Interaktiv: Wie läuft die Ansteckung?

Hauspreise ↓
Defaults ↑
RMBS / CDO ↓
Collateral Calls ↑
Banken misstrauen sich
Kreditmärkte frieren
Realwirtschaft ↓

Kein quantitatives Modell — es visualisiert die wichtigsten Übertragungswege.

Kapitel 9

Warum Lehman schlimmer war als „eine Bank geht pleite“

Gegenparteirisiko

Lehman war Vertragspartner in unzähligen Finanzgeschäften. Nach der Insolvenz mussten Marktteilnehmer plötzlich fragen: Welche Forderungen sind noch werthaltig? Welche Sicherheiten reichen? Wer ist als Nächstes betroffen?

Kurzfristige Finanzierung

Investmentbanken finanzierten große Bestände über Repo- und andere kurzfristige Märkte. Wenn Geldgeber nicht mehr verlängern, kann ein Institut mit langfristigen Vermögenswerten sehr schnell in eine Liquiditätskrise geraten.

Fire Sales

Wer Vermögenswerte unter Zwang verkauft, drückt Marktpreise. Niedrigere Preise führen bei anderen Instituten wiederum zu Abschreibungen, Margin Calls und weiteren Verkäufen.

Vertrauen als Infrastruktur

Ein modernes Finanzsystem funktioniert auch deshalb, weil Gegenparteien davon ausgehen, dass morgen noch gezahlt wird. Nach Lehman wurde genau dieses Vertrauen erschüttert.

Die Lehman-Frage bleibt umstritten: Eine Rettung hätte Moral-Hazard-Probleme geschaffen; ein ungeordneter Konkurs erzeugte dagegen enorme Systemkosten. Zusätzlich spielten rechtliche Grenzen und das Fehlen eines tragfähigen Käufers eine Rolle.

Kapitel 10

AIG: Wenn der vermeintliche Schutz selbst zum Risiko wird

RMBS / CDO
← CDS →
AIG Financial Products
← Prämie
Bank / Investor

Warum es wie Gratisgeld wirkte

AIG Financial Products verkaufte Schutz auf strukturierte Kreditprodukte. Solange ein massiver gleichzeitiger Zusammenbruch extrem unwahrscheinlich erschien, bedeutete das: Prämien kassieren, scheinbar selten zahlen.

Der eigentliche Liquiditätskiller

Man musste nicht bis zum finalen Ausfall warten. Sinkende Marktwerte und Rating-Herabstufungen konnten zusätzliche Sicherheiten auslösen. Dadurch entstand innerhalb kurzer Zeit ein riesiger Cash-Bedarf.

Systemische Gefahr: Wenn AIG ausfällt, verlieren andere Institute genau den Schutz, den sie selbst als Absicherung eingeplant hatten. Das Problem springt damit auf ihre Bilanzen zurück.
Kapitel 11

„700 Milliarden für die Banken“ — was stimmt daran?

Die bekannte Zahl stammt aus der ursprünglichen TARP-Autorisierung. Sie ist aber nicht gleichbedeutend mit „700 Milliarden endgültig verloren“. Außerdem waren TARP, Fed-Liquiditätsprogramme, Garantien und AIG-Maßnahmen unterschiedliche Instrumente.

$700 Mrd.
ursprüngliche gesetzliche TARP-Autorisierung
TARP
Treasury-Programm; zentral waren u. a. Kapitalzuführungen
Fed
zusätzliche Kredit- und Liquiditätsfazilitäten
Nein. Viele Maßnahmen waren Investments oder Kredite und wurden teilweise zurückgezahlt bzw. abgewickelt. Die endgültigen fiskalischen Kosten sind etwas anderes als die maximale Autorisierung.
Nein. Krisenprogramme umfassten auch AIG, den Automobilsektor und Maßnahmen rund um den Wohnungsmarkt.
Nein. TARP war ein Treasury-Programm auf Basis eines Kongressgesetzes. Die Federal Reserve hatte daneben eigene Notfall-, Kredit- und Liquiditätsprogramme.
Sehr unwahrscheinlich. Kreditmärkte, Geldmarktfonds, Zahlungsströme, Unternehmensfinanzierung und Altersvorsorge waren mit dem Finanzsystem verbunden. Über die optimale Rettungsform kann man streiten — nicht darüber, dass die Ansteckung weit über Bankaktionäre hinausging.
Kapitel 12

Die Rechnung: Häuser, Jobs und Vermögen

≈ −30 %
US-Hauspreise vom Peak Mitte 2006 bis Mitte 2009 laut Federal Reserve History
≈ −57 %
S&P 500 vom Peak Oktober 2007 bis Tief März 2009
10 %
Arbeitslosenquote am Peak im Oktober 2009 in der historischen BLS-Reihe

Vom Finanzsystem in die Realwirtschaft

5,0%12/07
5,8%07/08
7,3%12/08
9,0%04/09
9,5%06/09
10,0%10/09

Wenn Unternehmen keinen Kredit mehr bekommen, Investitionen stoppen und Konsumenten Vermögen verlieren, folgt die Realwirtschaft: weniger Produktion, weniger Neueinstellungen, Entlassungen. Gleichzeitig verstärken Zwangsvollstreckungen den Druck auf Häuserpreise.

Eigentümer

Viele Haushalte wurden „underwater“: Die Hypothek war höher als der Marktwert des Hauses. Verkauf und Refinanzierung wurden schwierig.

Menschen ohne Hypothek

Auch Mieter wurden über Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten, Kreditverknappung und Verluste in Investment-/Altersvorsorgevermögen getroffen.

Kapitel 13

Wer war schuld? Viele — aber nicht im selben Sinn

Es hilft, vier Dinge zu trennen: Ursachen, Verstärker, Fehlanreize und rechtswidriges Verhalten.

Kreditgeber

Sinkende Underwriting-Standards und das Weiterverkaufen von Krediten konnten den Anreiz schwächen, auf langfristige Qualität zu achten.

Investmentbanken

Verbriefung, CDO-Produktion, hohe Bilanzrisiken und Derivate machten lokale Kreditrisiken zu globalen Finanzpositionen.

Ratingagenturen

Modelle unterschätzten gemeinsame Stressfaktoren; das issuer-pays-Modell erzeugte zusätzlich Interessenkonflikte.

Investoren

Die Jagd nach Rendite bei scheinbar hoher Bonität schuf Nachfrage nach immer mehr strukturierten Produkten.

Regulierer & Politik

Aufsicht war fragmentiert; Shadow Banking und OTC-Derivate entwickelten sich schneller als viele regulatorische Strukturen.

Kreditnehmer & Spekulanten

Manche Haushalte übernahmen zu viel Risiko; Immobilienspekulation spielte eine Rolle. Das erklärt aber nicht allein die systemische Finanzarchitektur.

FCIC-Mehrheit 2011: Die offizielle Untersuchung kam zu dem Schluss, die Krise sei vermeidbar gewesen, und nannte u. a. Versagen der Regulierung, Corporate Governance und Risikomanagement, exzessive Verschuldung, schlechte Vorbereitung sowie Ratingagenturen. Im Bericht stehen jedoch auch abweichende Minderheitenmeinungen.

War es Betrug?

Es gab konkrete Verfahren und nachgewiesene bzw. beigelegte Fälle problematischer Offenlegung und Geschäftspraktiken. ABACUS ist dafür ein prominentes Beispiel. Die gesamte Krise auf „Betrug“ zu reduzieren wäre aber zu einfach: Viele katastrophale Positionen waren legal, nur hoch gehebelt, schlecht modelliert oder durch falsche Anreize begünstigt.

Kapitel 14

Was änderte sich danach?

Dodd-Frank (2010)

Die Reform baute die Überwachung systemischer Risiken aus, änderte Derivate-Regeln und schuf unter anderem CFPB und FSOC.

Stresstests & Kapital

Große Banken wurden stärker auf Verlusttragfähigkeit und Liquidität geprüft; internationale Basel-III-Regeln verschärften Kapital- und Liquiditätsanforderungen.

Derivate-Transparenz

Teile des OTC-Derivatemarkts wurden stärker in Clearing- und Meldeinfrastrukturen gedrängt, um Gegenparteirisiken sichtbarer zu machen.

Das Grundproblem bleibt

Die Verpackung ändert sich. Die Kernfrage bleibt: Wer trägt den Verlust, wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig Liquidität brauchen?

Werkzeugkasten

Glossar

ARM

Adjustable Rate Mortgage: Hypothek mit veränderlichem Zinssatz.

Teaser Rate

Niedriger Einstiegszins, der später steigen kann.

Subprime

Kreditsegment mit höherem Ausfallrisiko.

RMBS

Residential Mortgage-Backed Security: Wertpapier auf Basis von Wohnhypotheken.

Tranche

Risikostufe innerhalb eines strukturierten Wertpapiers.

CDO

Collateralized Debt Obligation: strukturierter Pool von Kreditrisiken.

Synthetic CDO

CDO, das Kreditrisiken über Derivate referenziert, statt die Assets zwingend zu besitzen.

CDS

Credit Default Swap: Vertrag zur Übertragung von Kreditrisiko gegen Prämien.

LGD

Loss Given Default: Verlustquote nach einem Kreditausfall.

LTV

Loan-to-Value: Kreditbetrag im Verhältnis zum Immobilienwert.

Underwater

Hypothek ist höher als der aktuelle Wert des Hauses.

Leverage

Hebel: große Position im Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital.

Repo

Kurzfristige besicherte Finanzierung, zentral im Shadow Banking.

Collateral Call

Forderung, zusätzliche Sicherheiten zu stellen.

Shadow Banking

Kredit-/Liquiditätsvermittlung außerhalb klassischer Einlagenbanken.

TARP

US-Krisenprogramm ab Oktober 2008.

Fire Sale

Notverkauf, der Marktpreise zusätzlich drücken kann.

Moral Hazard

Anreiz zu mehr Risiko, wenn andere einen Teil möglicher Verluste tragen.

Das mentale Modell

Die gesamte Maschine in 20 Sekunden

lockere Kredite
RMBS
Tranchierung
CDOs
synthetische Wetten
Leverage
Hauspreise drehen
Refinanzierung bricht
Defaults steigen
Tranchen fallen
Sicherheiten / Margin
Liquiditätskrise

Burrys Kernthese: Nicht „Immobilien sind teuer“, sondern: Die Qualität bestimmter Kredite ist schwach, ihre Zahlungsstruktur erzeugt einen zeitlich vorhersehbaren Stresspunkt, und bestimmte nachrangige RMBS-Tranchen sind viel weniger sicher als ihr Marktpreis suggeriert.

Lesestoff

Quellen, bei denen die Zusammenfassung nicht reicht

PrimärquelleMust readFinancial Crisis Inquiry Report (FCIC)

Der offizielle Untersuchungsbericht zur Finanzkrise. Für unser Rabbit Hole besonders gut: Mortgage Machine, CDO Machine, The Madness, Lehman und AIG.

GovInfo: Bericht & Downloads →
Burry selbstMust readMichael Burry — „Missteps to Mayhem“ (Vanderbilt, 2011)

Sehr wertvoll, weil Burry seinen Gedankengang selbst beschreibt: ARM-Resets, seine Suche nach CDS, erster Deal mit Deutsche Bank und seine Sicht auf synthetische CDOs.

Vollständiges Transkript →
RegulatorSEC — ABACUS 2007-AC1

Ein hervorragender Realfall, um synthetische CDOs, Interessenkonflikte und gegensätzliche Long-/Short-Positionen zu verstehen. Die SEC erklärte, solche Strukturen hätten Verluste des Immobilienabschwungs verstärkt.

SEC Litigation Release → · Goldman-Settlement →
EinordnungFederal Reserve History — Subprime Mortgage Crisis

Kurze, seriöse Einordnung der Kreditvergabe, fallenden Hauspreise und der Übertragung auf das Finanzsystem.

Federal Reserve History →
Federal ReserveThe Great Recession

Zahlen zu Rezession, Hauspreisen, Aktienmarkt und Arbeitslosigkeit.

Federal Reserve History: Great Recession →
US TreasuryTroubled Asset Relief Program (TARP)

Für die Rettungsfrage wichtig: Treasury-Programme nicht mit Fed-Liquiditätsmaßnahmen vermischen.

U.S. Treasury: TARP →
BLSArbeitsmarkt 2007–2009

Historische Entwicklung der US-Arbeitslosigkeit während und nach der Rezession.

Bureau of Labor Statistics →
BuchMichael Lewis — The Big Short

Keine Primärquelle, aber vermutlich der beste erzählerische Einstieg in die Personen, Incentives und absurden Marktdynamiken. Nach diesem Dossier wesentlich leichter zu lesen.

Hinweis: Dieses Dokument trennt historische Aussagen von didaktischen Modellzahlen. Der 250-Mio.-$-Pool und seine Tranchengrößen sind bewusst erfundene Beispiele. Historische Aussagen zu Burry, FCIC und ABACUS sind mit den verlinkten Original-/Behördenquellen verbunden.

Hinweis zu Recherche & Quellen: Diese Seite ist ein privates Informationsprojekt. Die Recherche, Strukturierung und Aufbereitung der Inhalte erfolgte größtenteils KI-gestützt. Trotz sorgfältiger Arbeit können sachliche Fehler, veraltete Angaben, Fehlinterpretationen oder unvollständige Darstellungen enthalten sein. Verlinkte Quellen und insbesondere wichtige Aussagen sollten daher eigenständig geprüft werden. Maßgeblich ist im Zweifel die jeweilige Original- bzw. Primärquelle.
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